
Singendes mitternächtliches Menschenmeer vor dem historischen Rathaus
Auf Anhieb über 10.000 Besucher bei der ersten Internationalen Chorbiennale
in Aachen
Aachen. Was fast keiner für möglich gehalten hätte: Zehn Tage lang erklang
in Aachen Chorgesang auf internationalem Spitzenniveau und brachte knapp 12.000 Konzertbesucher auf die Beine.

Nachdem das erste Wochenende mit hochrangigen Chorkonzerten und internationalen Gastchören wie „Oreya“ aus der Ukraine, dem estnischen Kammerchor „Noorus“, dem Tel Aviv Chamber Choir und dem Studium Chorale Maastricht im Verein mit den vier Aachener Initiativchören ein unbeschreiblicher Erfolg war, bewiesen übervolle Lunchkonzerte, das live übertragene Konzert des WDR-Rundfunkchores Köln und die beiden ebenfalls live übertragenen Aufführungen von Leonard Bernsteins 3. Sinfonie „Kaddish“, dass Aachen als Chor-Festivalstadt Potential und Zukunft hat.
Stadtdirektor und Kulturdezernent Wolfgang Rombey lobte die überragende Qualität, die „Symbiose aus Spitze und Breite“ sowie den Mut zu innovativen Programmen und Formaten. „Star der Biennale war das Publikum“, resümierte Generalmusikdirektor Marcus Bosch gestern auf einer Pressekonferenz. Bei den Konzerten habe er sich im Urlaub gefühlt, so international sei das Stimmengewirr vor den Konzerten gewesen, wozu die sommerlichen Temperaturen noch beigetragen hätten. Schon eine Stunde vor den Konzerten hätte sich das Publikum vor den Kirchen gesammelt, um noch einen Sitzplatz zu bekommen: Aachen sei eine Musikstadt durch und durch, schildert Bosch seine Begeisterung über den Verlauf der ersten Chorbiennale.
Bereits 7350 Konzertbesucher zählte die Chorbiennale, was eine über 100%-Auslastung bedeutet, bevor am zweiten Festival-Wochenende die Lange Chornacht in vier Kirchen und auf der Open-air-Bühne im Hof rund 2750 Besucher mit Spitzenwerten von 700 Besuchern der „Carmina burana“ in der Aula Carolina mit einem 6-stündigen Non-Stop-Programm begeisterte.
Um Mitternacht waren dann beim „Farewell“ vor dem Aachener Rathaus geschätzte 3500 bis 4000 Sänger und Zuhörer zugegen, als die Wirte der umliegenden Gastronomien ihre Musik zugunsten von Dowland, Silcher und Traditionellem wie den „Irish Blessing“ und „Der Mond ist aufgegangen“ ausstellten. Das beweise, dass in Aachen halt nicht nur der Fussballverein Alemania zählte, sondern das Interesse an anspruchsvoller Chormusik überaus hoch sei. Weit über 10.000 Besucher kamen demnach zur ersten Internationalen Chorbiennale. Ein Ergebnis, mit dem so keiner gerechnet hatte.
Stadtdirektor und Kulturdezernent Wolfgang Rombey bedankte sich vor allem bei den vier Chorleitern der Initiativ-Chöre Harald Nickoll/Carmina Mundi, Prof. Fritz ter Wey/Der junge Chor Aachen, Martin te Laak/Aachener Kammerchor und Hans Leenders/Madrigalchor Aachen und gratulierte Generalmusikdirektor Marcus Bosch zu diesem Erfolg. Aber auch das hohe Engagement der teilnehmenden Chöre der Langen Chornacht und die Organisation unter Produktionsleiter Ansgar Menze hob Rombey hervor.
Aus künstlerischer Sicht unterstrich GMD Bosch die Farbigkeit der Programme und das Spitzenniveau der Chöre. Obwohl die Programme viel Musik des 20. und 21. Jahrhunderts enthalten hätten, die gleichwohl in der auswärtigen Ausgestaltung nicht so hermetisch daher kämen wie vielleicht bundesdeutsche Kompositionen, sei das Publikum vorurteilsfrei in die Konzerte gegangen und hätte sich begeistern lassen.
Harald Nickoll, Dirigent des Chores Carmina Mundi als amtierenden Gewinners der Deutschen Chorwettbewerbes, freute sich, dass mit der Internationalen Chorbiennale erstmals ein Großprojekt verwirklicht worden sei, das aus der Kommunikation zwischen Chören und der Stadt hervorgegangen sei. Alle hätten bei diesem Großevent an einem Strang gezogen. Selbst die renommierten Gastensembles hätten sich über diesen starken Publikumsandrang gewundert. Überaus positiv hätten sie sich auch über den abwechslungsreich gestalteten Aufenthalt in Aachen geäußert. Neben der guten Organisation durch die Produktionsleitung und die Gastgeberchöre sei dieser Umstand auch der gemeinsamen Einstudierung von Bernsteins überaus diffizilen Chorpart seiner 3. Sinfonie „Kaddish“ zu verdanken, der auch unterhalb der Aachener Chöre verbindend gewirkt habe. Konkurrenz sei dabei unter den Chören nicht aufgetaucht.
Hans Leenders äußerte sich überaus positiv über die neuen Formate wie Öffentliche Proben, Lunchkonzerte und die internationale Atmosphäre bei der CHORbi-Lounge. Die zehn Tage hätten einen unbeschreiblichen Spannungsbogen gehabt, die eher zufällige Gestaltung hätte sich als gute Dramaturgie erwiesen. Die Lange Chornacht habe dann nochmal „voll reingehauen“, wie Leenders verkündete; er selbst habe bei dieser unvermuteten Fähigkeit zur Festivalstimmung schon fast überlegt, vom niederländischen Maastricht nach Aachen umzuziehen.
Der Auftritt beim „Farewell“ sei Gänsehaut pur gewesen, bestätigte Martin te Laak.
Allgemein bedauert wurde, dass aus Budgetgründen die direkte Werbung für die Internationale Chorbiennale im Wesentlichen auf Aachen und die innere bundesdeutsche Chorszene beschränkt war, wenn man von den hochrangigen Beiträge in den wichtigen Hörfunksendungen wie TonArt und Mosaik auf WDR3, der Chorstunde auf WDR 4 oder die Beiträge für SWF und beim Deutschlandradio Kultur absieht. Die Bewerbung der vielgepriesenen Euregio, das Ausweiten nach NRW sei eine Aufgabe für zukünftige Ausgaben der Chorbiennale.
Andererseits gab es mehrere Berichte auf Deutschlandradio Kultur (anlässlich der Liveübertragung – aber auch am 25. Juni ein halbstündiges Feature "Wir sind eine Chorstadt! Neues Fest in Aachen – Internationale Chorbiennale“ Von Arne Reul)
Vor allem Liveübertragungen von Bernsteins "Kaddish" aus dem Eurogress Aachen und des Konzertes des WDR Rundfunkchores mit „De profundis“-Vertonungen haben das Renommee bundesweit gestärkt.
(bitte einfügen: Bild Kaddish-Chorprobe – Kaddish2 – man kann den Titel auf den Klavierauszügen lesen)
Trotz der schwierigen finanziellen Situation konnte das Festival durch die Suche nach preisgünstigen Lösungen, grosszügiges Teilsponsoring der beteiligten Firmen und der überaus hohen Konzert- und Spendeneinnahmen fast kostenneutral durchgeführt werden.
Die Beteiligten sahen es als höchst wünschenswert an, die Internationale Chorbiennale als festen Bestandteil der deutschen Festivallandschaft zu etablieren. Die Chorbiennale sei ein Kristallisationspunkt, der z. B. auf den jungen israelischen Komponist Gilad Hochman, der für die Chorbiennale eine Auftragskomposition schuf, als höchst anregend wirkte, wie Martin te Laak ausführte. Diesen Edelstein gälte es weiter zu schleifen, ergänzte Prof. Fritz ter Wey, der sich durchaus vorstellen kann, Gastchöre während der nächsten Biennale auch in benachbarten Musikmetropolen auftreten zu lassen, um ihnen damit weitere Auftrittsmöglichkeiten zu eröffnen und andererseits so Werbung für die Aachener Biennale zu machen. Auch ein kleineres Festivalformat zwischen den großen Biennalen sei als Brücke zwischen dem Zweijahresrhythmus durchaus wünschenswert.
Die Chancen für ein Fortbestehen und die Chorbiennale 2011 sind mit diesem großen Erfolg sehr gut. Stadtdirektor Rombey betonte, alles zu versuchen, um den Erfolg von 2009 auch 2011 Wirklichkeit werden zu lassen und nach Möglichkeit noch zu steigern.